Teilzeitpoetin | Aus dem Tagebuch | #1 | 2016
Das Gefühl, dass man Orte schon mal gefühlt und erlebt, ja sogar in ihnen gelebt hat, verursacht bei mir ein leichtes Ziepen in der Magengegend. Mein Herz hat mich schon an so viele Orte gebracht. Auch aufs Land. Bis dato dachte ich immer, ich sei ein wahres Stadtkind. Mit wild flatterndem Haar, wenn die U-Bahn einfährt.
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Aus dem Tagebuch | #1 | 2016

Das Gefühl, dass man Orte schon mal gefühlt und erlebt, ja sogar in ihnen gelebt hat, verursacht bei mir ein leichtes Ziepen in der Magengegend. Mein Herz hat mich schon an so viele Orte gebracht. Auch aufs Land. Bis dato dachte ich immer, ich sei ein wahres Stadtkind. Mit wild flatterndem Haar, wenn die U-Bahn einfährt. Doch jetzt sitze ich im Zug, fahre vertikal durch Europa, und wundere mich darüber, wie viele Dinge, Bäume und Brücken ich um mich herum wiedererkenne. Als wäre ich nie weg gewesen. Das Gefühl nie weg gewesen zu sein… gibt es dafür ein Wort? Abstinenzfehlinterpretation vielleicht?

Die Vergangenheit zieht da draußen in Form von Bäumen, Brücken und Straßen vorbei. Dieser Fakt hat mir schon immer mehr zu schaffen gemacht, als das Gefühl, dass auch vergangene Menschen, meist nur ein Schatten ihrer selbst, an mir vorbeiziehen könnten.

Während ich die Bäume greifen kann, sind die Menschen meist schon zu Staub zerfallen. Sie sind noch da, leben aber ein Leben außerhalb meiner Wirklichkeit. Außerhalb meiner Realität.

Langsam kommt mir der Gedanke, dass ich vielleicht ein Jahr nur um Bäume und Brücken geweint habe. Und gar nicht so sehr um dich. Während ich also in meinem Zimmer saß, unzählige Zigaretten rauchte, und glaubte nur deinetwegen innerlich sterben zu müssen, begossen meine Tränen eigentlich die Abstinenz der Europabrücke, die damals im kleinen Kontext, mein ganzes Leben zu sein schien. Wenn ich mich jetzt zurückerinnere, fühlte sich das Loslassen deiner Hand ein bisschen so an wie das Gefühl, das ich heute bekomme, wenn der Sommer vorbei ist. Die Erinnerungen daran sind noch da, doch die Trauer geht langsam ihren Weg. Was bleibt, sind die flatternden Haare im warmen Wind der einfahrenden U-Bahn.

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