Teilzeitpoetin | Trauer
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Rückwärts weinen

Trauer ist ein mieser Verräter. Ein einsames dickes Kind. Mit Läusen und ohne Freunde. Um mich herum verschwimmt alles und ich muss die Brille abnehmen, um mir mit meiner weißen Bluse die Tränen wegzuwischen. Keine Mascara. Gott sei Dank. Trotzdem habe ich eine sichtbare Verfärbung an meinem Ärmel und mir fällt ein, dass ich heute morgen zwar auf Wimperntusche verzichtet habe, nicht aber auf den dunkelbraunen Kajal, mit dem ich meine kläglichen zehn Sommersprossen um vier weitere erweiterte. Damit entsteht ein asymmetrisches Bild von fünfzehn Sommersprossen. Eine Art von mir verfeinertes Sternensystem direkt auf meiner Nase. Meine beste Freundin lacht deshalb immer über mich. Da sie sich aber mit einem Lipliner regelmäßig die Konturen ihrer Lippen übermalt um Scarlett Johansson ein bisschen ähnlicher sein zu können und das auch jeder weiß, betrachte ich uns als quitt. Eine Zeit lang haben wir gemeinsam sogar darüber nachgedacht mir einen speziellen Stift zu entwickeln. Ein Sommersprossenstift. Die Farbe wäre haltbarer, vielleicht wasserfest. Erkältungen und Beerdigungen wären aufgrund des Sommersprossenstiftes mit unechten Sommersprossen kein Problem mehr.

Irgendwie hatten wir ständig solche Ideen. Wir wollten wie Tierbabys aussehende Babylätzchen produzieren, Postkarten aus Holz designen und ein Bistro mit handgemachten, glutenfreien Pommes eröffnen. Leider konnte keine von uns nähen oder sägen. Dass Pommes ohnehin glutenfrei sind, fiel uns erst viel später auf. So war es mit uns immer.

Wir wussten schon früh, dass wir beide in unglücklich ausgewählten Studiengängen verrotten, an nicht heiratsfähigen Männern hängen und in langweiligen Städten kleben bleiben würden. Irgendwie schwebte das stets wie ein Damoklesschwert über uns und machte uns trotzdem nichts aus. Es gab genügend Bier und Wein und Schnaps um die Gedanken an die trostlose Zukunft wegzuspülen, genug gut aussehende Idioten, mit denen man schlafen und reichlich unbekannte Klubs in denen man tanzen konnte. Solang all dies in einem angenehmen Verhältnis zueinanderstand, konnten wir die drohende Pleite unseres Lebens in Kauf nehmen. Noch waren wir jung. Und das würde auch noch eine ganze Weile so bleiben.

***

»Sie hat dich sehr geliebt.« Mein Cousin, der arrogante Fatzke, riss mich aus meinen Gedanken und holte mich zurück in den regnerischen Samstagnachmittag.

Zurück in einen kalten November.

Zurück auf den matschigen Friedhof.

Zurück in die Schlange auf dem Weg zu den Rosen.

Eben jene Rosen wurden danach in das tiefe dunkle Loch geschmissen, und weil diese barbarische Handlung noch keine ausreichende Misshandlung der Flora war, schmiss man noch eine Hand voller Dreck hinterher. Um sicherzustellen, dass nicht nur der Mensch, sondern auch die Rose tot war. »Ich weiß«, antwortete ich. Am liebsten hätte ich ihn auch in das Loch geworfen, das immer näher auf mich zukam. »Sie hat immer von dir gesprochen«, schob er hinterher, lehnte sich dabei zu mir vor und zog sich mit gespitzten Fingern die Lederhandschuhe aus. Er tat das wie Schauspieler aus alten Filmen, die mit dem linken Daumen und Zeigefinger erst den rechten Handschuh Finger für Finger hochzogen, um gleiches danach mit der anderen Hand zu tun. Ich hasste das.

»Ja«, antwortete ich geistesabwesend und hoffte inständig, dass meine einsilbigen Antworten seinen Hunger nach Interaktion erstickten. Ich konnte vor mir die Menschen weinen hören und war erstaunt, dass es mich so wenig berührte. Die Tränen liefen mir zwar wie ein Systemfehler kontinuierlich über das Gesicht, aber in mir war alles erstaunlich trocken. Das unterdrückte Schniefen der Anderen nervte mich eher und ich musste an mich halten nicht bei jedem gemurmelten »Unfassbar« mit den Augen zu rollen.

Noch vier Leute vor mir. »Es tut mir wirklich so leid für dich. Ihr hattet ja ein so enges Verhältnis. Es wäre wahrscheinlich einfacher, wenn du dich noch hättest verabschieden können«, sagte er und drückt mich unbeholfen an seine Brust. Ich war so perplex, dass ich vergaß, die Luft anzuhalten und somit für den Moment dieser Umarmung die Katzenhaare auf seinem Schal inhalierte. Ich drückte meine, unter seinem Arm eingeklemmte, Hand gegen seinen nach Parfum riechenden Torso und verlor im Matsch fast das Gleichgewicht. Ich war wütend. Ich war wütend, weil dieser Schnösel, der mich in den letzten sechs Jahren nicht mal auf den Familienfeiern begrüßt hatte, jetzt wahrhaftig annahm, dass ich mich von ihm trösten lassen würde. Er ließ mich so schnell los, wie er gebraucht hatte um mich unter seine Fittiche zu bekommen. Er lachte mich an und drehte sich weg. Er hatte sich inmitten der Umarmung um 180 Grad gedreht und stand nun vor mir. Arschloch. Der drängelt sich sogar am Grab vor. Wahrscheinlich, weil er dann schneller zum Auto und eine rauchen kann. Oder seine Freundin anrufen, um ihr zu sagen, dass er sie zwanzig Minuten später zum Brunch abholt. Ich musste mich so zusammenreißen ihn nicht zu schubsen, dass ich meine Hände in meine Manteltasche krallte und auf der Kastanie rumdrückte, die sich noch in ihr befand.

Ich starrte auf seinen Hinterkopf und stellte fest, dass er definitiv der Sohn seines Vaters war. Wie mein Onkel hatte auch mein Cousin einen beachtlichen Haarausfall am Hinterkopf zu verzeichnen. Tief genug, um von kleinen Menschen wie mir wahrgenommen zu werden und hoch genug, um vor seinen grauen Augen beim Blick in den Spiegel verborgen zu bleiben. Vor ihm stand noch ein Freund meiner Eltern und davor ein dickerer älterer Mann, den ich nicht zuordnen konnte. Ich wünschte mich von hier weg und schaute nach oben. Vielleicht tat ich es, weil ich erwartete, dass sie jetzt von dort auf mich herabschauen, ich ihr Gesicht da oben entdecken würde, vielleicht auch, weil ich dachte, meinen Tränenfluss umkehren zu können und die Tränen zurück in die Augen laufen zu lassen. Rückwärts weinen sozusagen.

Der mir unbekannte Mann hatte mittlerweile die Rose und den Matsch in das Loch geworfen und so war der Freund meiner Eltern an der Reihe. Da mein nur mäßig behaarter und massiger Cousin mir mit seinem riesigen Mantel die Sicht versperrte, konnte ich nicht mehr viel vom Loch sehen. Ich schaute noch mal nach oben. Diesmal hauptsächlich, um dem Drang zu entgehen ihn tatsächlich zu schubsen und bekam einen schweren Tropfen direkt auf die Stirn. Er zerplatzte und spritzte mir in die Augen. Ein Märtyrertropfen, der sich einsam aus dem Himmel zu mir aufgemacht hatte, um wie eine Splitterbombe in meinem Gesicht zu zerbersten. Ich kniff die Augen zusammen und wischte mir erneut über die Augen.

Mein Cousin lief indessen schon an mir vorbei, verzerrte seinen fleischigen Mund zu einem Grinsen, wischte sich die linke Hand mit einem Stofftaschentuch ab und drückte mir beim Vorbeigehen noch mal vielsagend in die Schulter. Der Pfarrer hielt mir den Eimer unter die Nase und presste mir eine gelbe Rose samt ihren Dornen in die Hand. “Jetzt sind sie dran”, flüsterte er mir aufmunternd zu. Ich bemerkte das Blut an meinem Finger, schloss die Augen und sprang.

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