Teilzeitpoetin | Minimalismus macht mich unglücklich
Minimalismus kann man lernen. Muss man aber nicht.
minimalismus, konsum, kleidung, chaos, schrank, aufräumen, lifestyle, ausmisten
350
post-template-default,single,single-post,postid-350,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,select-theme-ver-3.4,wpb-js-composer js-comp-ver-4.12.1,vc_responsive

Minimalismus macht mich nicht glücklich

Das Leben ist zu kurz um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen und kostbare Lebenszeit in Shopping Malls zu verschwenden. Oder? 

Erst neulich fragte mich eine Freundin: „Bist du wunschlos glücklich?“. Wir hatten zuvor über Urlaubspläne und die Zukunft gesprochen, Kaffee getrunken und über Tinder, Spa-Gutscheine und Easyjet philosophiert. „Klar“, sagte ich und nippte am Latte. Erst abends bei einem Glas Rotwein wurde mir bewusst was ich da, ohne nachzudenken, von mir gegeben hatte. Diese Frage nagte an mir. Tagelang. Ich dachte abends bei Wein und Film daran, morgens unter der Dusche und am Nachmittag im Café. Bin ich wunschlos glücklich?

Betrachte ich die Benutzeroberfläche meines Lebens, so kann ich sagen: Ich bin 27, durfte studieren, reisen, arbeiten, Nacktbaden, mich politisch engagieren. Ich habe eine Kreditkarte, eine Bahnkarte, einen Handyvertrag, eine Wohnung, Jahresurlaub, ein Fahrrad und eine eigene Kommode nur für Unterwäsche und Socken, ein iPhone, ein MacBook und natürlich ein iPad. Ich genieße es. Ich bin gern Europäerin, ich mache gern von meinem Recht Gebrauch mich bei aufkommendem Unbehagen auf die Straße stellen zu können und ja, ich twittere das dann auch gern gleich. Oder mache ein Selfie. Ich bin durch puren Zufall auf der richtigen Seite des Globus auf die Welt gekommen. Ich bin privilegiert und das genieße ich.

 

Alles was du besitzt,

besitzt eigentlich viel mehr dich

 

Rein oberflächlich betrachtet, scheine ich also glücklich zu sein. Was aber ist mit der anderen Ebene? Mit Wünschen, langfristiger Ruhe, Zen und solchen Dingen? Eine Bekannte sagte mir, dass wir wieder beginnen müssen zu verzichten. Dass Verzicht einen glücklich und stark macht, dass man sich endlich wieder auf das Wichtige im Leben besinnen und dies dann in vollen Zügen genießen kann.

Im letzten Jahr dann wurde mein Instagram von sinnbildlichen Sprüchen über das Leben nach dem Minimalismus-Prinzip förmlich überschwemmt. Wie leicht und unheimlich erstrebenswert das sei. Ich recherchierte viel dazu, saß sogar einmal selbst im Schneidersitz vor meinem Kleiderschrank, den offenen Laptop samt Minimalismus-Anleitung links und das Weinglas rechts und versuchte mithilfe des “Drei-Haufen-Systems” meinen Schrank und (schenkt man dem System glauben) mein Leben aufzuräumen. Wenn man erst mal nur noch drei T-Shirts hat und nicht mehr dem bösen Konsumengel auf der linken Schulter nachgäbe, würde man sich befreit fühlen und langfristig zur Ruhe kommen. Ich scheiterte schon zu Beginn. Es gab bei mir nur zwei Haufen: einen für Dinge, die ich behalten wollte und einen für Dinge, die ich vielleicht behalten wollte. Ich trennte mich letzten Endes von gar nichts und (wer hätte es gedacht) bin trotzdem glücklich. Vielleicht nicht mit ganz so viel Ruhe aber mit mindestens genauso viel Zufriedenheit.

 

Trotz Chaos glücklich

 

Ich sehe eben keine Notwendigkeit darin auf Dinge zu verzichten um ein bisschen glücklicher zu sein. Ich kann ja auch mit diesem Kram glücklich sein. Vielleicht würde ich anders denken, wenn meine Schalsammlung auf einmal beginnen würde mich nachts wachzuhalten. Wenn mir meine neun Mäntel ins Gesicht spucken würden sobald ich an der Garderobe vorbeigehe. Aber es ist nicht so. Die Schals, die Taschen, die doppelten Bücher, die Mäntel und die Yogamatten sind still.

Minimalismus ist nichts für mich. Ich halte es im Nachhinein betrachtet, sogar für eine gewisse Form der Impertinenz gegenüber der älteren Generationen. Meine Eltern sind in der DDR aufgewachsen, haben jahrelang auf einen Trabant gewartet, hatten in den 70ern nur eine Jeans, weil die Cousine meines Vaters nur eine über die Grenze schmuggeln konnte und haben kein flächendeckendes Angebot an Bananen gehabt. Sie waren notgedrungen minimalistisch.

Meine Mama würde mit Gewissheit nicht sagen, dass sie damals unglücklich war aber sie würde auch nicht behaupten, dass von allem viel haben zu können ein unangenehmes Abfallprodukt der Hypermoderne sei.

2 Comments
  • daniela

    November 23, 2016 at 11:18 Reply

    ich habe auch noch von keinem reichen gehört der glücklicher ist weil er viel mehr besitzt als andere.
    weder reiche noch arme sind entsprechend ihres besitzes oder nicht-besitzes glücklicher oder unglücklicher. schade eigentlich. wäre doch aber auch zu einfach so sein glück zu gestalten, oder?
    es müsste doch jedem einleuchten das wir dann einfach alle zusammen nur noch glücklich wären… haach

    ich kann dir aber nur beipflichten. ich weiß auch nicht warum sich leute einreden lassen zuviel zu haben und deshalb unglücklich sind, obwohl sie davon vorher noch gar nichts ahnten wie sehr sie ihr besitz drückt und kneift. ist schon komisch 🙂

    liebe grüße
    daniela

    • mariehesse

      December 5, 2016 at 18:22 Reply

      Liebste Daniela,
      entschudlige meine späte Antwort. Ich sehe das genauso: die meisten Menschen lassen sich zu schnell etwas einreden. Vor allem etwas, das jeder für sich eigentlich selbst fühlen und entscheiden müsste. Glück kann dir kein Mantel dieser Welt bringen. Kein teures Sofa kann dir dieses wohlig warme Gefühl vermitteln, das beispielsweise eine Umarmung eines lieben Menschen mit sich bringt. Die Dinge so zu nehmen wie sie sind, sie zu akzeptieren und zu bejahen (und natürlich auch zu verändern wann immer man das Bedürfnis verspürt), erst das macht glücklich (und ist Gott sei Dank vollkommen unabhängig von der Anzahl unserer Handtaschen).
      Vielen lieben Dank für deinen lieben Kommentar.
      Liebst.
      Marie

Post a Comment