Teilzeitpoetin | Liebe Zugfrau
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Liebe Zugfrau

Als wir uns begegnen, bist du mies gelaunt. Vielleicht ist dein Tag anstrengend, schließlich bist du Lehrerin. Im hinteren Eck eines Zugabteils kontrollierst du die letzte Hausarbeit deiner Schülerinnen. Über vier Sitze verteilst du die rot markierten Blätter, deine Jacke liegt quer über eine Sitzreihe. Deine Tasche hat einen eigenen Platz, der alte Mann, der fragend auf den Platz schaut, soll ruhig mal stehen.

Du hast nicht mit mir gerechnet und bist erstaunt, als ich dich frage, ob bei dir noch ein Platz frei ist. Vielleicht war es der Schreck oder das Erstaunen über meine Unverfrorenheit, aber du hebst die Tasche vom Sitz.

Ich nehme neben dir Platz und beginne mit dem alten Mann zu sprechen. Ich spreche darüber, wie schön Bayern ist. Wie blöd es ist, dass die Lufthansa dauernd streikt und darüber, dass das früher nicht ging. Du atmest immer wieder schwer und als mein Blick dem deinen begegnet, öffnest du den Mund und sagst: “Das ist eigentlich ein Ruheabteil”. Du guckst böse auf den Aufkleber an der Wand. Da du fünf Tage in der Woche vor eingeschüchterten Fünftklässlern stehst, weißt du um deine kalte autoritäre Ausstrahlung und bringst mich emotional sofort zurück in das Jahr 1999. “Ich weiß”, sage ich kleinlaut und: “Aber ich wollte nur reden.” “Der Aufkleber ist wohl unmissverständlich”, schnauzt du mich an und widmest dich wieder der schlechten Arbeit von Fabian Stohler.

Der Mann schaut mich an. Er verdreht die Augen und holt ein Buch raus. Ich hingegen sehe dich an. Ich versuche dir ein Loch in den Kopf zu starren, damit der Druck entweichen kann. Ich frage mich, was dein Problem ist. Was dich so deutsch gemacht hat.

Da ich für eine Weile in Schottland lebe und nur zu Besuch nach Deutschland komme, weiß ich mittlerweile genau, dass es auch anders geht. Dass es Menschen gibt, die sich beim Ausstieg aus dem Bus beim Fahrer bedanken. Die sich entschuldigen, wenn du sie im Supermarkt versehentlich anrempelst und sich auf der Straße für die Straßenbahn in einer Reihe anstellen, um andere Passanten durchzulassen. Ich kenne das Gegenteil. Ich kenne die Liebe, die Warmherzigkeit und die Ruhe innerhalb einer Gesellschaft. Ich habe in diesem Land gesehen wie Menschen, die auf der Straße leben vom Restaurant nebenan Pizza geschenkt wird, wie sich Menschen gegenseitig im Bus den Platz anbieten.

Ich wünsche mir, du hättest auch diese Erfahrung gemacht. Ich wünsche mir, du würdest nicht seit einer Stunde auf den Tisch starren, sondern den Blick aus dem Fenster wandern lassen und die unverschämt wunderschöne Aussicht genießen. Ich wünschte mir, dass du keine Lehrerin wärst, weil ich nicht möchte, dass Kinder zu dir und deinem Unmut aufblicken müssen. Ich wünsche mir, dass du dich bei mir entschuldigst und dass du mir erzählst, was um Himmels willen dich in diesem privilegierten Land hat so verbittern lassen. Ich wünsche mir, dass du aufstehst und den “Pssst-Aufkleber” im Ruheabteil abreißt. Dass du dich in das andere Abteil nebenan setzt und mit der schwangeren Frau ein Gespräch beginnst.

Als der Zug in meinen Bahnhof einfährt, stehe ich auf und sage: “Ich wünsche mir, dass Ihr Tag besser wird”. Du schaust nicht mal hoch, sondern schnaubst verächtlich. Du bist genau das, was ich an Deutschland so ätzend finde. Verklemmt und engstirnig machst du Werbung für das Land voller Verbote. Das Land, in dem man Obdachlose nicht mehr als Teil der Gesellschaft ansieht, Flüchtlingsheime anzündet und weinenden Kindern im Supermarkt genervte Blicke zuwirft. Das Land, in dem ein Gespräch im Ruheabteil zu einem Magengeschwür bei einer Englischlehrerin führt.

5 Comments
  • Juliette Irretier

    December 12, 2016 at 09:59 Reply

    Hey Marie,
    mein Name ist Juliette und ich bin über die Zeit Campus auf Umwegen auf deinen Blog gestoßen. Das ist sehr gute Arbeit! Besonders mit den Gefühlen, die du in diesem Post schilderst, kann ich mich sehr gut identifizieren – ich verbringe sowohl beruflich als auch privat viel Zeit in Schottland und ärgere mich jedes Mal über so deutsches Verhalten, wenn ich wieder zurück fliege. Also ein Danke an dieser Stelle dafür, dass du es so treffend formulierst und öffentlich gemacht hast 🙂
    Liebe Grüße
    Juliette

    • mariehesse

      December 12, 2016 at 10:44 Reply

      Liebe Juliette,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ich bin beruhigt, dass es nicht nur mir so geht. Dass ich die schottische Freundlichkeit doch nicht maßlos romantisiere. Vielleicht können wir versuchen gemeinsam ein bisschen Schottland in Deutschland zu etablieren.
      Wäre für die Gemütslage der Zugfrau sicher auch nicht schlecht. 🙂
      Liebst,
      Marie

  • lz.

    December 12, 2016 at 11:57 Reply

    Ein toller sehr toller einer der besten Edits zu diesem Thema die ich je las. Ich wünsche wie Du. Doch es wird Wunsch bleiben. Denn die Enstirnigkeit & diese seltsame Art von Verbitterung hat sich schon in zu viele Herzen hineingefressen. Fast wie ein unsichtbares Geschwür. Und so werden Kinder erzogen mit einer Fresse die jenseits von Heiterkeit & frechem Mut für neues sich jeden Tag garstig zeigt.
    Und dies ist sicherlich kein Einzelfall.
    lz.

    • mariehesse

      December 12, 2016 at 19:31 Reply

      Danke für deinen Kommentar (und das Lob!!). Ich weiß noch nciht wirklich, was mich genau davon abhält, es als bloßen Wunsch zu deklarieren. Vielleicht ist es ja die jugendliche Leichtigkeit, die mich immer noch glauben lässt, dass alles irgendwann besser wird. Neulich erst habe ich mich gefragt, ob das mit der Miesepetrigkeit in Deutschland eigentlich schon immer so war und ich nur nicht so dünnhäutig? Oder ist es doch ein neues Phänomen? Bei Letzterem gäbe es zumindest noch Hoffnung hinsichtlich einer Besserung.
      Liebst.

  • Sunman

    December 15, 2016 at 21:37 Reply

    Das ist es und mit deinen bunten und schön geschriebenen Worten beschreibst du doch all die Dinge, die wir gelernt haben und bringst mich auf alle Fälle zum Nachdenken darüber, es doch einmal auszuprobieren, mich bei einem Busfahrer zu bedanken und ihm einen schönen Tag zu wünschen. Denn auch ich habe diese Mentalität in Schottland erleben dürfen und habe mir diese Freundlichkeit nach Hause gewünscht. Nur leider ist dieser Wunsch auch zu Hause schnell wieder verblasst und die unendliche Hektik des Alltags hatte mich wieder eingeholt. Vielen Dank dafür, dass du mir dieses schöne Gefühl zurückgibst. Ich werde mich daran erinnern und es beim nächsten Busfahrer probieren. Danke!

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