Teilzeitpoetin | Es ist nicht leicht kein Stalker zu sein
Facebook: der Ort an dem Beziehungen perfekt sind und deine Katze ihr eigenes Profil hat.
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Es ist nicht leicht kein Stalker zu sein

Willkommen bei Facebook. Der Ort an dem Beziehungen perfekt sind, deine Katze ein eigenes Profil hat und Menschen, die dich nicht mögen häufiger deine Seite besuchen als deine Freunde. Der Ort an dem dich dein Bruder blockiert und du die Urlaubsfotos deines Exfreundes schneller siehst als seine Mutter. Facebook macht es schließlich möglich. Oder?

Facebook und mich verbindet eine langjährige Partnerschaft. Gegenseitige Antipathie ist das Gleitmittel unserer Beziehung. Trotzdem trage ich mich tagtäglich mit dem Gedanken unser Arrangement zu beenden. Es verlässt mich letztendlich jedoch immer der Mut. “Was wirst du alles verpassen?”, spricht das schielende Teufelchen auf meiner Schulter und lispelt weiter: “Denk´ doch mal an die ganzen Parties, die ohne dich stattfinden würden!”.

Bing, macht es nah am rechten Ohr: “Diese Ruhe…herrlich. Wie viel Zeit du für andere Dinge verwenden, wie viele Stunden du dich nicht grämen und mit trockenen Augen vor dem Bildschirm sitzen würdest!”, raunt das Engelchen. Ich klappe den Bildschirm zu und lege mich flach auf den Boden.

Facebook ist für mich nicht nur irgendein soziales Netzwerk. Der Liebreiz des besagten Mediums besteht für mich aus mehreren Faktoren:

  • Es ist schön Nachrichten und Emojis an Freunde in Amerika, Italien und Singapur* schicken zu können. [*Würde ich den Smiley einfach per Post verschicken, würde der Brief bis nach Singapur stolze 8-14 Tage unterwegs sein.]
  • Es ist schön auf die 187. Pop-Up Store Eröffnung eingeladen zu werden. [Oder Kuratorenführung. Oder Schließung eines Clubs.]
  • Es ist schön sich stundenlang eine Statusnachricht ausdenken zu können.
  • Und es ist auch schön sie nach vier Minuten wieder hektisch zu löschen, weil einem einfällt, dass jetzt auch der Papa bei Facebook ist.

 

“Happy since…”

 

Seit 2008 bin ich nun schon in dieser Beziehung, bestehend aus Hassliebe und ohne jegliche sexuellen Gefälligkeiten, gefangen. Obwohl ich mir an dunklen Sonntagnachmittagen oft denke: “Facebook… Lass uns mal getrennte Wege gehen”, fällt mir die bevorstehende Trennung beim Herunterscrollen meiner Timeline schwer. Oben ploppt mir eine neue Nachricht ins Auge. Ein amerikanischer Soldat braucht Geld um sich das Ticket aus Afrika nach Hause leisten zu können. Ich wäre seine Rettung, sagt er. Ich wäre auch wunderschön, sagt er. Ich fühle mich gebraucht. Ich fühle mich von Facebook und all den Soldaten, die ohne Kleingeld in der Tasche in Afrika sitzen so gebraucht, dass ich an diesem Sonntag keinen weiteren Gedanken mehr bezüglich der Abmeldung meines Kontos fassen kann.

Es gibt aber auch die anderen Tage. Tage, an denen ich nicht versuche das Leben amerikanischer Soldaten zu verändern oder Unmengen diverser Abendeinladungen Folge leiste, sondern die Exfreundin meines Freundes suche. Das sind dann Tage, an denen ich unsicher bin. Nicht weiß wohin mit mir und meiner Zeit. An denen ich dann mehr Fanta trinke als ich sollte und mich durch all ihre öffentlichen Bilder klicke. Vom Zucker der Fanta beflügelt, mache ich dann Screenshots und schicke sie meiner Freundin. Während ich auf eine Antwort warte, frage ich mich, ob jemand Screenshots von meinen Bildern macht und lege mich wieder flach auf den Boden.

 

Nur ein Mal gucken…

 

Es gibt (Gott sei Dank) auch Tage an denen ich sicherer bin. An denen ich nicht an den Bildern anderer Frauen interessiert bin, sondern wissen will was “er” so macht. Tage, an denen ich mutig genug bin um der Fratze der Vergangenheit gegenüberzutreten. Tage, an denen ich meinen Exfreund durch die Suchleiste jage.

  • Ich sehe ihn dann mit seinem neuen Auto.
  • Und mit seiner neuen Freundin.
  • Und mit seinem neuen Baby.
  • Am Strand.
  • Bei Sonnenuntergang.

Meist muss ich mich dann wieder flach auf den Boden legen. Auf solche Tage folgen meist mehrere Wochen, in denen ich den Schreck sitzen und meine Würde wieder zurück auf ihren Thron klettern lassen muss. Ich bin dann stark. Ich suche dann keine alten Geister und irre Schreckschrauben, sondern verhalte mich wie ein braver User, indem ich hier und da ein paar Bilder like, ein (oder zwei bis vier) Katzen-Videos sehe und ein paar Affen-Emojis an die beste Freundin verschicke.

 

 

Facebook…

…ich muss mal mit dir reden…

 

 

Das Gefühl jedoch, dass Facebook langsam nichts mehr für mich sein könnte, dass ich aus diesem sozialen Netzwerkquatsch sogar rausgewachsen sein könnte, lässt mich nie ganz los. Während ich mit 17 in einem Alter war, in dem ich ungern telefoniert und stattdessen lieber Nachrichten in die Tastatur gehackt habe, bin ich zehn Jahre später kein Freund mehr von langen Chatnachrichten. Es mag an der mangelnden Zeit oder der trockenen Bindehaut im Auge liegen aber der Griff zum Telefon wird häufiger und das Antworten auf Nachrichten bei Facebook seltener. Dennoch zwingt mich die Suchleiste in unregelmäßig regelmäßigen Abständen dazu, wahllos Namen in die Tastatur zu hacken, nur um danach stundenlang Bilder durchzuklicken. Bilder, die mich nichts angehen. Bilder, die ich nicht sehen würde, wenn ich, statt den sonnigen Nachmittag vor dem Bildschirm zu verbringen, draußen Bäume fotografieren würde. Noch während mich das Gefühl überwältigt, dass es jetzt so weit sein könnte, dass ich zu alt und meine Augen zu trocken für Facebook geworden sein könnten, dass die Trennung jetzt vollzogen werden könnte, ploppt eine Nachricht auf. Man lädt mich zu einer weiteren Sonnenbrillenladeneröffnung ein. Auf dem Veranstaltungsfoto ist eine Katze, die eine verspiegelte Brille trägt und an einem Eis leckt. Wer kann schon einer Katze widerstehen?

 

Was wäre wenn?

 

Während das Facebook-Stalking früher ausgeprägter war, sind es heute nur noch die erwähnten dunklen Sonntagnachmittage, die mir zu schaffen machen. Ich würde gern auf sie verzichten und kann es nicht. Allerdings lösche ich regelmäßig meine letzten Suchvorgänge aus der Suchleiste. Es gibt mir das Gefühl ein normaler Facebook-Nutzer zu sein. Mit sich und allen Menschen der Vergangenheit im Reinen. Eine Art Selbstbetrug. Ich fühle mich besser, wenn mir beim Eintippen eines Namens nicht gleich das Gesicht eines Exfreundes entgegenspringt. Ich fühle mich mit dieser jungfräulichen Suchleiste nicht wie ein irrer Stalker.

Facebook gibt mir diese Möglichkeit, uns allen, um unsere Weste wieder reinzuwaschen. Ist Facebook, der Erfinder des Stalkings, hier auf unserer Seite? Nein. Facebooks Algorithmus spült uns die Seelen der gelöschten Namen trotzdem wieder in die Timeline. Facebook ist ein hinterlistiges Miststück mit dem Gedächtnis eines Elefanten. Das Rad in meinem Hirn fängt wieder an sich zu drehen und ich lege mich zum Träumen flach auf den Boden. Wie würde mein Leben wohl ohne Facebook aussehen?

 

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