Teilzeitpoetin | Vom Kampf gegen das Natürliche
Nichts ist ungleicher als die Beziehung zwischen Kindern und Eltern. Wir sind von ihnen abhängig, sie bestimmen jahrelang wann wir aufräumen müssen und sie machen alles genau so, wie wir es später garantiert nicht machen werden. Oder?
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Vom Kampf gegen das Natürliche

Nichts ist ungleicher als die Beziehung zwischen Kindern und Eltern. Wir sind von ihnen abhängig, sie bestimmen jahrelang wann wir aufräumen müssen und sie machen alles genau so, wie wir es später garantiert nicht machen werden. Oder?

Als ich neulich beim Kaffee mit einer Freundin über mögliche zukünftige Blogposts sprach, hätten unsere Ansichten unterschiedlicher nicht sein können. Da ich die Texte verfasse, tagelang für sie am Schreibtisch sitze und auf meine Tastatur krümele, während ich krampfhaft versuche Überschriften zu finden und dabei die Formatierung nicht zu versauen, verliere ich den Abstand zum Geschriebenen. Ich kann nicht mehr objektiv über das Thema sprechen, stecke emotional zu tief in den einzelnen Sätzen, für die mein Hirn stundenlang arbeiten muss und meine Zähne unzählige Schokokekse zermalmen.
Sicher, ich habe einen groben thematischen Plan, weiß, was ich kann und wovon ich die Finger lassen sollte.

Ich weiß zum Beispiel, dass ich nicht über Lippenstiftfarben oder vegane Deos schreiben kann, wohl aber darüber, wie das Leben als junger Mensch im Ausland ist und wie man bei Easyjet die besten Plätze bekommen kann, ohne zuvor Geld für eine Reservierung verschwenden zu müssen.

Auf meiner “Darüber-kann-ich-niemals-schreiben-Liste” findet sich direkt unter “So funktioniert das Wahlsystem in den USA” das Thema “Beziehungen”. Ein interessantes aber so komplexes und persönliches Feld, dass es mich beim bloßen Gedanken darüber schreiben zu müssen schon schüttelt. Darüber kann ich einfach nicht schreiben. Wahrscheinlich noch weniger als über die Wahlmänner in Ohio. Dachte ich zumindest immer. Meine Freundin bat mich nämlich einen Artikel über Beziehungen in die Tastatur zu hauen. “So ganz allgemein”, schob sie noch hinterher. Und weil ich gerade an einem Artikel sitze, der junge Menschen dazu ermutigen soll öfter über den eigenen Schatten zu springen, schreibe ich jetzt über Beziehungen. Ganz allgemein versteht sich.

 

“Du bist wie deine Mutter!”

 

Sobald wir, aussehend wie kleine rosa Alraunen, das Licht der Welt erblicken, verändert sich unser Beziehungsstatus. Wir können sie zwar nur unscharf sehen aber mit den zwei Menschen, die sich weinend über die Krippe beugen, werden wir das ganze Leben lang, mal mehr und mal weniger eng, durch eine Eltern-Kind-Beziehung verbunden sein. Wir werden von ihnen gefüttert, getragen, getröstet und geliebt.

Während meines Studiums kam öfter die Frage danach auf, ob wir unser Verhalten, die Art und Weise wie wir Beziehungen führen, tatsächlich von unseren Eltern übernehmen und ich kann mich noch genau an das Gesicht meiner Professorin erinnern, als sie uns lächelnd sagte: “Im Grunde sind wir nur das Abbild unserer Eltern. Wir sehen jahrelang wie sie mit zwischenmenschlichen Situationen umgehen, sehen vielleicht, wie unsere Mutter hysterisch den eigenen Vater vor die Tür setzt oder der Vater cholerisch am Abendbrottisch nach der Butter schreit. Wir sehen wie oft sie sich abends auf dem Sofa gegenseitig über den Kopf streicheln und wie häufig der Vater sanft nach der Hand der Mutter greift. Wir übernehmen das zunächst unbewusst, egal was wir behaupten. Wir übernehmen es und modellieren mit diesen visuell erlernten Fähigkeiten unser persönliches Netz zwischenmenschlicher Beziehungen.”

Das saß. Auf diesen Vortrag folgte zunächst Stille, bevor emsige Gespräche durch den zu schlecht belüfteten Raum waberten. “Ich wie meine Mutter? Haha, niemals! Ich bin viel ruhiger!”, hörte ich und: “Dass ich nicht lache, ich bin auf keinen Fall wie mein Vater. Der flippt ständig aus. Ich würde meinem Kind nie ´ne Schelle verpassen.” Zu meiner Verwunderung gab es nur wenige Personen im Raum, die schwiegen. Der Vortrag hatte seinen Zweck erfüllt. Zum ersten Mal vielleicht reflektierten manche ihr Verhalten und verglichen es mit den Erinnerungen ihrer Kindheit.

Ich dachte an die vielen Male in meiner Jugend, in denen ich die Augen verdrehte und mir innerlich gegen die Stirn schlug, weil mein Papa nicht verstand, was ich von ihm wollte oder meine Eltern streitend in der Küche standen. Ich erinnerte mich daran, dass ich vor Partys oft das bauchfreie Top unter einem T-Shirt trug, damit ich ohne Diskussion zum Geburtstag meiner Klassenkameradin gehen konnte. Ich weiß noch, dass ich damals dachte: “Oh man. So werde ich nie”. Ich wusste genau, was ich vom zukünftigen Vater meiner Kinder wollte und wusste auch, dass unsere Beziehung nie einschlafen, nie langweilig oder sogar (Gott bewahre!) auseinandergehen würde.

 

“Und dann wurde ich erwachsen.”

 

Während ich bei meinem ersten Freund noch dachte: “Was hat Mama denn? Liebe ist doch so einfach!”, war ich beim Zweiten schon weniger und beim Vierten überhaupt nicht mehr vorlaut. Nach den ersten sechs Monaten war der Lack meist ab und wir jung und wild, voller Tatendrang und Bedürfnis nach Freiraum. Bei jemandem zu bleiben fiel schwer. Die ersten Schwüre und Herzen wurden gebrochen, Trennungen vollzogen und der Beziehungsstatus bei Facebook geändert. Tinder wurde installiert, man durchlebte einsame Nächte und Nächte zu dritt zweit.

Auf Jahre voller schnelllebiger Beziehungen und kompromissloser Affären, folgte, zumindest bei mir, die Realität. Die langweilige Realität, dass ich meine IKEA-Bettwäsche gern zu zweit aussuchen und den Tatort am Sonntag gern gemeinsam sehen würde. Ich überarbeitete meine “Was-der-Mann-meiner-Träume-alles-mit-sich-bringen-muss-Liste” grundlegend und stellte fest, dass er nicht unbedingt als Backpacker durch Asien gereist sein musste. Mir reichte es jetzt auch schon, wenn er den Weg zur Ostsee kannte. Ein paar Jahre später warf ich die Liste weg.

 

“Wir sind auch nur die Kinder unserer Eltern”

 

Dass wir als Kinder schon von Beziehungen und Hochzeiten schwärmen, dass wir die Beziehung unserer Eltern beobachten und auch, dass wir rigoros behaupten später alles anders machen zu wollen, ist anthropologisch betrachtet vollkommen normal. Wir formen Ansprüche, bilden ein Muster, durchbrechen es wieder und fangen von vorn an. Wir maßregeln den ersten Freund natürlich nicht seinen Teller nach dem Essen abzuwaschen (wir sind doch schließlich nicht wie die eigene Mutter!), soll er ihn doch stehen lassen. Er ist ein freier Mensch. Uns stört das nicht. Echt nicht.

Bis es dann doch stört. Auch wenn wir es zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht wahrhaben wollen, wir sind näher an unseren Eltern, als wir denken. Diese durch unsere Eltern erbrachte Familienarbeit gewährleistet, dass wir die wichtigsten Dinge lernen und in der ersten eigenen Wohnung nicht verhungern, weil wir nicht wissen, woher die Lebensmittel kommen.

Sie zeigen uns, meist unwissend, wie wir später Beziehungen führen werden. Sie führen uns die Fehler vor, die Schwierigkeiten und sagen Dinge wie: “Weißt du mein Kind, eine Ehe ist harte Arbeit”. Sie warnen uns. Und auch wenn wir es mit 21 noch nicht wahrhaben wollen, sie haben recht. Egal wie sehr wir uns in unserer Jugend dagegen wehren, in uns steckt mehr der eigenen Eltern, als wir denken.

 

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