Teilzeitpoetin | Liebes jüngeres Ich
Die Mauer, die deine Stadt in Ost und West teilt und einen riesigen Riss durch ein zerstörtes Land zieht, wird fallen. Während du, bekleidet mit kurzen Hosen und blauem T-Shirt, die Holzmarktstraße in Berlin-Mitte entlanggehst, um an Hausnummer 64 stehenzubleiben und über die Sprechanlage zu fragen, ob Martin zum Spielen rauskommen darf, wird diese Mauer, die für dich so natürlich ist wie jede andere Mauer, schon ein Verfallsdatum haben.
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Liebes jüngeres Ich

Ich beneide dich um deine derzeitige Jugend. Ich beneide dich um deine positive Lebenseinstellung, deinen wahnwitzigen Elan, deinen frenetischen Tatendrang und deine verbissene Gerechtigkeitsliebe. Ich hoffe inständig, dass du keine dieser Tugenden verlierst, und weiß es als dein – wenn auch etwas gealtertes – Spiegelbild besser. Noch bist du jung. So jung, dass dir das Leben keine Angst macht, weil du sein Ende nicht kommen und dich nicht mit deinen Fehlern konfrontiert siehst. Du genießt dein Dasein auf dieser durch das Weltall fliegenden Kugel und denkst nicht an morgen. Die Mauer, die deine Stadt in Ost und West teilt und einen riesigen Riss durch ein zerstörtes Land zieht, wird fallen. Während du, bekleidet mit kurzen Hosen und blauem T-Shirt, die Holzmarktstraße in Berlin-Mitte entlanggehst, um an Hausnummer 64 stehenzubleiben und über die Sprechanlage zu fragen, ob Martin zum Spielen rauskommen darf, wird diese Mauer, die für dich so natürlich ist wie jede andere Mauer, schon ein Verfallsdatum haben.

Du wirst nur 24 Jahre deines Lebens in diesem Land mit der Mauer leben, und obwohl du dir das als Zwölfjähriger nicht vorstellen kannst, wird es sehr bald in dir einen Drang geben, über diese Mauer klettern zu wollen. Du wirst dich eingesperrt in deinem eigenen Land fühlen und Sehnsucht nach Dingen verspüren, die du noch nicht kennst. Deine Mutter wird das nicht verstehen, und du wirst nicht verstehen, dass sie es nicht versteht. Ihr werdet oft streiten, und ich hoffe insgeheim, dass du ihr nicht so sehr weh tun wirst, wie ich es tat. Auch wenn ich es besser weiß. Sie liebt dich, das kann ich dir sagen. Und auch, dass sie früher sterben wird, als du denkst.

Mit 20 wirst du nicht mehr der Kleinste deines Freundeskreises sein, du wirst rauchen und, lässig gegen die Tischtennisplatte gelehnt, dem blondgelockten Mädchen zuzwinkern. Du wirst es nicht gleich erahnen, aber diese Frau wird dein Leben maßgeblich verändern. Nicht nur wirst du wegen ihr das Rauchen sein lassen, du wirst auch Kinderbücher kaufen und eine Tochter bekommen. Dein Leben ist mit 24 perfekt, wirst du denken. Du hast eine Wohnung in der Kastanienallee gemietet, deiner Freundin wächst langsam ein Bauch, und dein zukünftiger Schwager hat dir seinen Trabant vermacht, weil er mit seiner Frau und seiner dreijährigen Tochter über Prag in den Westen flüchtet. Auch du überlegst, über die ungarische grüne Grenze zu gehen, aber du entscheidest dich dagegen. Du hättest früher gehen müssen, und deshalb gehst du letzten Endes überhaupt nicht.

Du wirst deine spätere Exfrau am 29.05.89 im Palast der Republik heiraten und deine Tochter nur 99 Tage später zum ersten Mal in Berlin-Buch im Arm halten. Du wirst denken, dass diese kleinen Hände und großen Füße und noch viel größeren Augen das Wertvollste sind, das du besitzt. Die Vorstellung, dass du eines Tages mal böse auf sie sein würdest, ist so unwahrscheinlich wie die, das Deutschland sich wieder verträgt. 67 Tage später wird Letzteres der Fall sein und Ersteres 5228 Tage darauf.

Deine Welt wird sich vergrößern und mit ihr deine Probleme. Aber auch deine Möglichkeiten. So oft wirst du an Kreuzungen und Gabelungen stehen und verdammt oft nach rechts gehen, obwohl überall in Leuchtlettern „links“ steht. Und andersrum. Menschen werden sich von dir trennen und in dein Leben treten. Einige davon bleiben für immer, werden Freunde und Partner. Auch wenn du es dir jetzt nicht vorstellen kannst, aber es wird der Tag kommen, an dem sich Berlin für dich ähnlich anfühlt wie die Pullover, die du früher von Tante Irmgard bekommen hast: zu eng und ein bisschen zu kratzig. Deine zweite Heimat wird dann Düsseldorf, und der Liebe wegen wirst du zwei Jahre lang mehr Zeit im Auto als auf der Couch verbringen. Die Welt wird sich verändern. Kontinuierlich wird sie sich weiterdrehen und mit ihr all das, was dein Leben ist. Es wird Tage geben, an denen werden andere Menschen deine Hilfe brauchen. Du solltest wissen, dass du nicht allen helfen kannst und dass du deshalb an dir zweifeln wirst. Du bist sicherer, als du denkst. Klüger, als du annimmst, und großherziger, als manche dich glauben lassen wollen.

Ich glaube zu wissen, dass du nach der Quintessenz dieses Briefes suchst. Vielleicht nach einer Antwort auf eine Frage, die dich derzeit beschäftigt, vielleicht aber auch nach einem Tipp. Nun, jüngeres Ich, eine Antwort kann ich dir nicht geben, alles, was du tun wirst, ist richtig und falsch. Zu gleichen Teilen. Jede Handlung hat ein gewünschtes Ziel und eine beiläufige Konsequenz in sich wohnen, und obwohl einem das manchmal unbequem ist, hat beides seinen Zweck. Das eine soll dich ermutigen, deinen Weg weiterzugehen, und das andere sorgt dafür, dass du auf dem Teppich bleibst.

Einen Tipp jedoch, den möchte ich dir gern geben. Genieße es. Mit jeder Faser deines Körpers: Genieße es. Denn wenn ich heute jung und Du wäre, würde ich alles noch einmal genau so machen.

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