Teilzeitpoetin | Heimatgedanken
Zu Hause ist das, was du vermisst, wenn du nicht zuhause bist.
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Heimatgedanken

Zuhause ist das was du vermisst, wenn du nicht zuhause bist. 

Ich weiß nicht mehr, was Heimat ist. Als ich klein war, war Heimat für mich ein spezifischer Ort. Ein 21 qm großes Zimmer in einer 6-Zimmer-Altbauwohnung in Berlin Mitte. Immer wenn ich im Ferienlager war, schien das Heimweh nach dieser Wohnung, nach diesem Zimmer, kaum auszuhalten. Irgendwann fuhr ich jedoch nicht mehr ins Ferienlager, wir zogen um und ich zog irgendwann aus.

Heimat wurde dann zu einem Gefühl. Nach neun Stunden Busfahrt auf der Stadtautobahn den Fernsehturm zu sehen, wurde mein Anker. Das Gefühl nach langen Monaten wieder in die Stadt zu kommen, in der ich geboren wurde, die sich aber schneller veränderte als mein Musikgeschmack, gab mir Halt.Der Heimathafen Berlin wurde mir aber schnell zu eng. Der Anker war zu schwer, nahm mir die Luft zum Atmen. Auge in Auge mit dem, was mich vor Jahren gehen ließ, trat ich meist nach kurzer Zeit wieder den Rückzug an. Heimat kann auch Enge sein. Verantwortung und Pflicht. Zuhause ist der Ort, der Stagnation bedeutet. Zuhause ist Langeweile. Zuhause sind die kranken Eltern und die zum dritten Mal schwangere Schwester. Zuhause ist nicht Brooklyn.

Vor ein paar Jahren wurde Heimat dann eine Person. Ich konnte überall sein, solange wir zusammen waren, fühlte es sich an, wie damals in Berlin Mitte. Wenn Heimat sich selbst durch Zufall personalisiert, bist du freier als vorher. Denkst du zumindest. Deine Heimat hat jetzt einen eigenen Pass, du kannst im Flugzeug neben ihr sitzen. Gleichzeitig ist deine Heimat jetzt auch seine Heimat und seine Heimat auch nun deine Heimat. Du hast jetzt zwei Heimathäfen. Zwei Reedereien, die sich um dich kümmern.

Das Herumziehen und die Möglichkeit überall zu leben, macht uns zu modernen Nomaden. Als wandelnde Heimatlose ziehen wir durch die Straßenzüge Londons, fotografieren die Werbetafeln in Tokio, kennen die Wege zum Check-in in Berlin Tegel in und auswendig. Der Pass muss meist schon vor Ablauffrist erneuert werden, auf den Seiten ist kein Platz mehr für die indischen Stempel. Am Flughafen hat man noch Zeit und unterhält sich mit dem Sitznachbarn. Man zählt die Stempel und Aufkleber im Pass des Anderen. Der mit den meisten gewinnt. Passstempel sind die Droge der Kosmopoliten. Süchtig nach Tinte streifen sie in der Welt umher. Halten ihre Füße in den Indischen Ozean und denken dabei an den Tee in Kopenhagen. Sie sind auf der Suche nach der ganzen Welt. Auf der Suche nach Sinn und Seelenbildern. Die kann man nur niemandem zeigen.

Ich dachte immer, mein Zuhause wäre der Ort, an dem die Erinnerungen an den Putz der Wände und die Form der Fenstergriffe am größten sind. Der Ort, an den meine Zahnarztrechnung geschickt wird und an dem meine Eltern jeden Sonntag in die Kirche gehen. Aber irgendwann realisierte ich, dass Zuhause da ist, wo mein Herz am lautesten und schnellsten schlägt. Zuhause ist Liebe und Wurzeln. Zuhause hält dich auf dem Boden der Tatsachen und lässt dich gleichzeitig glauben, dir würde die Welt gehören. Zuhause lässt dich ziehen und wiederkommen zur gleichen Zeit. Zuhause ist die Umarmung deiner Mutter und der Tabakrauch deines Vaters. Das Lächeln deiner besten Freundin. Der Friedhof um die Ecke. Zuhause ist vielleicht der eine Strand in Bali. Zuhause sind die Narben, die man in anderen Zeitzonen nicht spüren kann.

Zuhause ist das was du vermisst, wenn du nicht zuhause bist.

 

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