Teilzeitpoetin | Mut zur Lücke oder: der Lebenslauf
Lücken sind ein leidiges Thema. Sie tauchen immer genau da auf, wo man sie nicht haben will: zwischen den Schneidezähnen, im Gedächtnis, im Portemonnaie und im Lebenslauf. Eigentlich sollten wir aber voller Stolz auf unsere Lücken sehen, denn hinter jeder von ihnen steckt auch ein kleines bisschen Selbstverwirklichung.
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Mut zur Lücke oder: der Lebenslauf

Lücken sind ein leidiges Thema. Sie tauchen immer genau da auf, wo man sie nicht haben will: zwischen den  Schneidezähnen, im Gedächtnis, im Portemonnaie und im Lebenslauf. Eigentlich sollten wir aber voller Stolz auf unsere Lücken sehen, denn hinter jeder von ihnen steckt auch ein kleines bisschen Selbstverwirklichung.

Die liberale Erziehung meiner Eltern und die damit einhergehende “Du kannst alles werden, was du willst”- Einstellung trug höchstwahrscheinlich ebenso dazu bei, mich zu einer aufgeschlossenen und kreativen Frau heranwachsen zu lassen, wie die zwanghaft anmutende Freiheit unserer Generation alles werden, alles machen zu können. Frei nach dem Motto alles kann, nichts muss (zu Ende gemacht werden), versinken wir in BAföG-Anträgen, Erasmusbescheinigungen, vergessen für einen der drei Studiengänge die Semestergebühren zu bezahlen und antworten auf die Nachfrage, was wir eigentlich so beruflich machen erst mal: “Hmm, das kann man jetzt irgendwie schlecht erklären”.

 

Ene, mene, muh und raus bist du

 

Nach dem Abitur absolvierte ich deshalb auch einen Theaterkurs, lernte an Volkshochschulen, wie man Drehbücher formatiert und stellte mein eigenes Papier in der Badewanne meiner ersten eigenen Wohnung her. (Tipp am Rande: Tut es nicht. Also das mit dem Formatierungskurs der Drehbücher.) Ich studierte im erstbesten Wintersemester, das mir über den Weg lief erst mal Stadtplanung, musste aber recht bald feststellen, dass räumliches Denken statt einer Vorliebe für Pflanzen Grundvoraussetzung für das Absolvieren des Studienganges war, und entschied mich dann für Kunstgeschichte. Nach drei Semestern hatte ich aber auch von Jena und alten Gemälden genug, ging zurück nach Berlin und arbeitete als Barmädchen in einem Hostel. Des Fernwehs wegen. Das Bildungssystem Deutschlands sah das mit meinen kontinuierlichen Studiengangwechseln nicht ganz so locker wie Mami und zwang mich recht bald zum Rück… ähm Pardon, ich meine Umzug.

 

Berlin – Wien

 

 

Im Nachbarland Österreich fand ich schließlich, drei Jahre nach dem Abitur, ein kleines aber feines überlaufenes Studienfach. Anthropologin wollte ich nun werden. Während meine Eltern schon mal zu googeln begannen, mir aber ermutigend auf die Schulter klopften, zog ich per Railjet von Berlin über Prag nach Wien. Der Druck den Abschluss zu machen und in einer Consultingfirma oder einer Bank eine steile Karriere zu beginnen, hatte sich schon nach meinem Abitur und den ersten Gehversuchen im Studium der Stadtplanung, in Luft aufgelöst. Ich beherrschte Prozentrechnung so weit, dass ich mir problemlos bei H&M mein Ersparnis während des Winterschlussverkaufs ausrechnen konnte und war zudem in der Lage Bewerbungen in Deutsch und Englisch zu verfassen. Kurzum: die Consultingfirmen rissen sich vermutlich so sehr um mich, wie ich mich um sie.

Über diesen Fakt machte ich mir zum damaligen Zeitpunkt jedoch nie Sorgen. Sollten die Lehman Brothers ruhig an andere Türen klopfen (das hat sich mittlerweile ja ohnehin erledigt), ich würde es auch so schaffen. Mittlerweile hatte sich virtuell sowie auch in der Realität herumgesprochen, dass ich neben lustigen Geburtstagskarten, wohl auch ganz gut längere Artikel schreiben konnte. Die ganz ausgefuchsten Stalker wussten sogar von meinem Wunsch irgendwo regelmäßig eine Kolumne zu schreiben. Hektisch fragten sie Dinge wie: “Verdienst du damit echt Geld?”, “Kann man mit ´nem Blog heute echt noch was reißen?”, “Musst du nicht auch irgendwann mal richtiges Geld verdienen?” Ganz lustige Zeitgenossen schrien mir auf Partys auch: “Na da hast du aber lange genug das falsche studiert, ne?” in den Gehörgang. Während ich im Klub noch tapfer lächelte, saß ich zu Hause dann heulend auf meinem quietschenden IKEA-Bett und hämmerte mit wunden Fingerkuppen und Zigarette im Mund die wohl wichtigste Botschaft für alle Realitätsnazis in die Tastatur: Fuck off.

 

Excuse my French

 

 

Erst heute, erst nach der Uni, erst seit die große Unbekannte mich morgens wachküsst und abends müde schmust, habe ich verstanden, dass alles halb so schlimm ist. Dass ich nicht mehr oder weniger wert bin, weil mein Lebenslauf lückenlos und klinisch rein ist. (Allerdings sei an der Stelle angemerkt: Trägst du dich mit dem Gedanken eine Zeit beim britischen Nachbarn unterzukriechen, wäre es ratsam Referenzen parat zu haben, die dir die gegebenenfalls vorhandenen Lücken belegen. Ja, Lücken belegen. Aber das ist ein anderes Thema.)

Klar, die Rechnungen zahlen sich nicht alleine und das neue Paar Schuhe findet auch nicht ohne finanzielle Hilfestellung den Weg zu dir, aber Rechnungen kann man auch mit Nebenjobs bezahlen und Schuhe … ja, die gehen irgendwie immer. Sicher: Abi, Ausbildung, Arbeitserfahrung und Sozialversicherung ist spitze, aber in unserer Zeit, in der sich sechszehnjährige durch Youtubevideos Michael Kors Uhren finanzieren und Blogger tatsächlich etwas ist, das man sich auf die Visitenkarte schreibt, musst du dich nicht schämen, wenn du wie ich, den Traum hast zu schreiben. Oder zu singen. Oder zu schauspielern.

 

Einfach mal machen. Könnte ja gut werden.

 

 

Ich habe beispielsweise einen Freund, der malt. Er malte und zeichnete, skizzierte und arbeitete oft monatelang an Mappen, die er an gefühlt alle Kunsthochschulen des Landes verschickte. Zurück blieb, außer den Absagen, nichts außer Selbstzweifel. Bis er sich irgendwann wie einst ich dachte: Fuck off. Ich bin trotzdem Künstler. Heute stellt er mal hier, mal da aus, hat bei Facebook mehr Abonnenten als ich, eine Bahncard um ständig von Wien über die Fernstrecke der ÖBB hinaus in die Welt zu tingeln und eine Visitenkarte.

Liebe Realitätsnazis, während ihr also verunsicherten Seelen Vorträge haltet, fasst euch doch lieber erst mal an die eigene Nase. Wolltet ihr nicht auch mal Feuerwehrmann, Fußballspieler oder Jongleur werden? Und wenn ja: Warum seid ihr jetzt Versicherungsvertreter, Reisebürokauffrauen, Ärzte oder Köche? Macht ihr das gern oder nur, weil die Rechnungen angeblich nicht auch anders bezahlt werden können? Oha, ich sehe die bösen Kommentare schon vor mir. “Jetzt dreht sie durch”, werden die Nachbarn im Hausflur tuscheln. Ganz so ist es natürlich nicht. Ich werde weiterhin fleißig arbeiten gehen. In einer Bar, einem Hostel, am Flughafen, im Supermarkt oder auf dem Reiterhof (letzteres nur, wenn es unbedingt sein muss). Nebenbei aber werde ich weiterhin (komplett unentgeltlich … again: wenn es denn unbedingt sein muss) an meinem Traum arbeiten, denn irgendwann kommt eine(r). Irgendwann kommt eine(r) und sagt: “Auf dich und deine Texte habe ich/haben wir gewartet.”

Der Unterschied zwischen Träumen und Wunschdenken ist doch schließlich immer noch, dass Ersteres wahr werden kann.

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1 Comment
  • sunman

    February 6, 2017 at 16:01 Reply

    Hallo Teilzeitpoetin,

    Ich bin schon lange aus meinem Einstieg ins Berufsleben herausgewachsen, aber dennoch las ich gern deinen Text über die Tücken der Jobsuche. Dein Schreibstil erfrischt mein Gemüt, das ehrlich gesagt, schon sehr müde von der häufigen Verstümmelung unserer Sprache ist.
    Mach weiter so!
    Irgendwann kommt der Tag, an dem viele Menschen deine Geschichten lesen wollen.

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