Teilzeitpoetin | Mein Leben unter Schotten #1 Busfahren
Wer schon mal im Ausland gelebt hat weiß, wie schwierig es sein kann sich nahtlos in das neue Umfeld zu integrieren. Der Klang der neuen Sprache und die vollkommen unbekannten Geheimnisse des neuen Alltags können einen am Anfang ziemlich überrumpeln. Auch Busfahren kann dann zu einer neuen Herausforderung werden.
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Mein Leben unter Schotten #1 Der Bus

Wer schon mal in Edinburgh war weiß, diese Stadt ist nicht groß. Gerade mal 262 km2 misst die Hauptstadt Schottlands und ist damit nur halb so groß wie Wien. Und Wien ist schon ziemlich klein. Zumindest, wenn man wie ich, aus Berlin kommt und es gewohnt ist mit der U-Bahn 34 Minuten geradeaus zu fahren und immer noch im gleichen Bezirk zu sein.

Edinburgh ist verdammt alt. So alt, dass die Schotten keine U-Bahn bauten, stattdessen aber eine Straßenbahn ihr eigen nennen. Die Betonung liegt hierbei auf dem unbestimmten Artikel. EINE Straßenbahn. Hier und da sehe ich sie auf der Princess Street an mir vorbeiziehen, während ich mich in den riesigen Schaufenstern spiegele. Manchmal fährt sie auch an meinem Bus vorbei, wenn ich auf dem Weg zum Flughafen bin.

Als ich vor drei Monaten mit viel zu vielen Koffern am Flughafen stand, hungrig auf Neues und bereit mich bestmöglich in das unbekannte Land zu integrieren, brachte mich die Realität gleich wieder auf den Boden der Tatsachen. Bus fahren war noch nie eines meiner Hobbies. Stichwort 13A (wer aus Wien kommt, wird mich an dieser Stelle verstehen) aber immerhin wusste ich bisher wie es funktioniert. In Schottland jedoch ist nicht nur der Dialekt des Fahrers eine Herausforderung. Auch die sonst normale Alltagshandlung wird zur Crux.

“Hey”, eröffne ich das Gespräch mit dem rotnasigen Busfahrer. “I would like to buy a ticket”, sage ich und setze ein Lächeln auf. “Hiya! Yuhaftugättickefürst, eh?” antwortet er und lächelt zurück. War das englisch? Scheiße. Nicht unterkriegen lassen, Marie. Ich lächele ein bisschen breiter und sage mit fester Stimme: “To Shendrick Place, please” und schiebe ihm einen 10 Pfund Schein rüber. Der Fahrer, noch immer lächelnd, schiebt den Schein zurück, lacht und sagt: “No, yuhaftubeiitfürst.Ikannotcheingethat,yukno, eh? Dujuchavetheap?”. Ich will nach Hause und bin den Tränen nahe. Eine ältere Frau spürt meine Verzweiflung und greift mir mütterlich unter die Arme. Sie kauft mein Ticket, bezahlt passend, erklärt mir auf der Fahrt die vom Busfahrer angesprochene Ticket-App und leistet Starthilfe in Sachen schottischer Alltagskultur.

Ein Teil eben dieser ist die tägliche Busfahrt. Die schönen Doppeldecker zwängen sich durch die gesamte Stadt, bringen die Menschen zur Arbeit, holen Kinder von der Schule ab, fahren die Touristen zum Flughafen und fungieren sogar als Werbetafel für alkoholfreie Zuckerwasser und Kinofilme. Der Bus ist den Schotten heilig. Wer schon mal in Berlin Bus gefahren ist weiß, dass öffentliche Verkehrsmittel nicht unbedingt Orte sind, an denen man wohlig entspannt in den Sitz sinkt und mit der Hand sanft über das Polster streicht. In Edinburgh tut man genau das. Die Busse sind sauberer als mein Wohnzimmer, die Polster weich, die Temperatur übersteigt nie wohlige 20 Grad. Die Fahrer sind herzlich und nicht gespenstisch durch eine Glasscheibe von der Außenwelt abgeschirmt. Der typische britische Bus bietet auf zwei Ebenen Platz für 60 bis 80 Seelen. Eine kleine Treppe führt in den zweiten Stock und bietet neben einem 360 Grad Blick, auch Nervenkitzel für all jene, die noch nie auf der linken Straßenseite gefahren sind.

Der durchschnittliche schottische Busfahrer ist über 45, männlich und herzlich. Ob es daran liegt, dass er von jedem begrüßt und verabschiedet wird, als wäre er der eigene Onkel? Höflichkeit gehört ja zu den Briten wie Eminem in die 8 Mile. Daher stellt man sich in Schottland nicht nur beim Warten auf den Bus in einer Reihe an (und wehe es drängelt sich einer vor!), man zeigt zudem auch dem Busfahrer unaufgefordert das Ticket (am besten über die App) und begrüßt ihn. Beim Ausstieg erfolgt das Prozedere erneut: “Thank you, bye!” wird dann vom Fahrer mit einem ebenso herzlichen “Bye” erwidert. Diese niemals endende britische “politeness” gehört zum schottischen guten Ton. Wer es vergisst, fällt auf.

Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und Zufriedenheit bezüglich der um mich herrschenden hygienischen Zustände, war ich in öffentlichen Verkehrsmitteln bisher nicht gewohnt. In Schottland gibt es all das umsonst. Mit einem Lächeln. Daher ereilt mich bei jedem Heimatbesuch ein Kulturschock, wenn die Deutsche Bahn Angestellte genervt mit den Augen rollt, weil ich sie um eine Auskunft bitte, oder ich einen Platz neben der Zugfrau erwische. Ach du schönes Deutschland (Österreich), kannst du nicht ein bisschen schottischer werden?

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